„Der Name ist Programm“, verkünden vollmundig die einen. Er sei nichts als Schall und Rauch, befinden die anderen. Eins ist so falsch wie das andere. Der Name ist der Name. Er bezeichnet das Besondere, das Unvergleichliche, dasjenige, was gerade nicht auf den Begriff gebracht werden kann, sondern die Anrede und den Anspruch herausfordert. Es könnte geradezu als eine der Aufgaben der Stiftung ‚Convivial’ gelten, ihren Namen davor zu beschützen, dass er zum Programm wird, und auch davor, dass er nur Schall und Rauch ist.

‚Con-vivial’ ist ein zweigliedriger Name. Er besteht aus der Vorsilbe ‚con’, die dem lateinischen ‚cum’ entspringt und ‚zusammen mit’ heißt, und ‚vivial’, das seine Verwandtschaft mit dem lateinischen Verb ‚vivere’ = ‚leben’ zu erkennen gibt.

‚Conviva’ ist der Tischgenosse; Convivium’ ist eine Gesellschaft geladener Gäste, ein Gastmahl, eine Tischgesellschaft; ‚convivere’ bedeutet ‚zusammenleben, miteinander speisen’, und das englische Adjektiv ‚convivial’ heißt ‚gastlich, fröhlich’ durchaus auch im Sinne von ‚ein wenig beschwipst’. Für die Art des Miteinanderseins, die als Konvivialität bezeichnet wird, sind offenbar ein Tisch, um den man sich versammeln kann, ein Krug Wein, den man gemeinsam leeren kann, und Brot, das man miteinander teilt, ziemlich unverzichtbare Utensilien, um ein gutes Gespräch zu führen. Der Tisch kann natürlich auch ein leeres Rund sein, um das die Versammelten sich auf den Boden hocken. Ivan Illich nennt noch ein weiteres Utensil: eine brennende Kerze. Denn: „Unser Gespräch sollte immer in der Gewissheit geführt werden, dass da noch jemand anderer ist, der an die Tür klopfen wird, und die Kerze steht für ihn oder sie. Das ist eine beständige Mahnung, dass die Gemeinschaft nie geschlossen ist.“ (I. Illich: In den Flüssen nördlich der Zukunft. S. 177)

Ist ‚Convivial’ ein einladender Name? Er wirkt eher wie eine Schwelle, über die man ins Stolpern kommt. Die Schwierigkeit, die dieses Wort bereitet, besteht nicht so sehr darin, dass es nicht einmal demjenigen, der im Fremdwörtergebrauch nicht ganz ungeübt ist, geläufig ist. Sie liegt vielmehr darin, dass wir durch unsere Sprech- und Hörgewohnheiten vollkommen taub geworden sind für den guten Klang des Wörtchens ‚cum’, das im Deutschen als Vorsilbe ‚kon’ oder ‚kom’ erscheint. Kom/Kon ist eine sehr verbreitete Vorsilbe. Aber die meisten Komposita, die damit gebildet werden, haben den alten Sinn in sein krasses Gegenteil verkehrt. Die Präposition ‚cum’ die einmal ein ebenbürtiges Miteinander im gemeinsamen Tun bezeichnen konnte, dient zunehmend dazu, ein scharfes, unerbittliches Gegeneinander im Kampf um Vorteile, Macht oder Einfluß zu beschreiben. Kon-kurrenten laufen nicht mehr zusammen, sie liegen im Krieg um knappe Ressourcen, das entsprechende englische competition bezeichnet nicht mehr ein gemeinsames Streben, sondern, die Anstrengung einander auszustechen. Kon-sens ist nicht mehr ein gemeinsam gestifteter Sinn, sondern eine verordnete Gleichheit. Kon-sum bedeutet nicht mehr, etwas gemeinsam und gründlich zu verbrauchen, sondern durch das, was man konsumiert beneidenswert für andere zu werden. Kon formität heißt nicht, sich in gemeinsamer Anstrengung eine Form zu geben, also sich miteinander und aneinander zu bilden, sondern zu beliebiger Verwertbarkeit in Form gebracht zu werden. Ich habe diese vier Beispiele für sinnentstellenden Wortgebrauch mit Bedacht gewählt. Sie repräsentieren die Zerstörungskraft der großen Monopole, die die Weltherrschaft angetreten haben: Die Ökonomie hält Weltverteilungsmonopol und schürt die Konkurrenz um knappe Ressourcen; die Naturwissenschaft hat sich das Weltdeutungsmonopol unter den Nagel gerissen und fordert Konsens zu dieser Deutungshoheit; die Technik behauptet das Weltgestaltungsmonopol und richtet die Welt auf Konsumierbarkeit zu. Und die Bürokratie erhebt Anspruch auf das Weltregelungsmonopol und rastet nicht, ehe nicht alles in vefahrensförmiger Konformität gleichgeschaltet ist.

Ja tatsächlich: ‚Convivial’ ist ein Stolperstein, der uns im Wege liegt, damit wir wachsam bleiben für die Vernebelung der Sinne und des Sinns durch die Verwüstung des kostbarsten Gutes, aus dem ein gedeihliches Miteinander erwachsen kann: unserer Sprache. Und Stolpersteine kann es einer Welt, die zunehmend eingeebnet ist und in der alle Schwellen, Grenzen und Hindernisse zum Verschwinden gebracht sind, damit alles wie am Schnüchen läuft, während gleichzeitig Mauern, Zäune und unüberwindliche Barrikaden aufgerichtet werden, um uns das Fremde und die Fremden vom Halse zu halten, gar nicht genug geben. Unsere Sprache muss anstößig sein, damit sie uns zur Verständigung taugt.

 

Marianne Gronemeyer