Wie ein trockener Schwamm das Wasser aufsaugt, so strömt der Begriff Inklusion in die Debatten von Sozialexperten aller Art. Als hätte man das erlösende Stichwort gefunden plappern alle von Inklusion – wo ich hinkomme. Ist es mein persönlicher unausrottbarer Widerspruchsgeist, der mich da zur Gegenrede anstachelt?

 

Nein, ich glaube, wir sollten misstrauisch sein. Erst einmal heißt ja Inklusion „Einschließung“ – das löst bei mir schon mal klaustrophobische Empfindungen aus. Wer will da wen einschließen? Welcher Knast öffnet seine Tore?

 

Aber ich höre: Es ist doch ganz anders gemeint - alle sollen dazugehören.


Die Forderung nach sozialer Inklusion – so heißt es - ist verwirklicht, „wenn jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen. Unterschiede und Abweichungen werden im Rahmen der sozialen Inklusion bewusst wahrgenommen, aber in ihrer Bedeutung eingeschränkt oder gar aufgehoben. Ihr Vorhandensein wird von der Gesellschaft weder in Frage gestellt noch als Besonderheit gesehen. Das Recht zur Teilhabe wird sozialethisch begründet und bezieht sich auf sämtliche Lebensbereiche, in denen sich alle barrierefrei bewegen können sollen.“ So kann man es bei Wikipedia lesen. Das klingt doch sehr einladend. Ich unterschreibe sofort: Inklusion für alle. Doch halt! Ich denke unwillkürlich an den Pflanzenkübel in meinem Garten. Sieht schön aus. Aber wenn ich ihn hochhebe, dann sieht man die Asseln, die sich unter ihm verkrochen haben.


Nehmen wir den schönen Pflanzenkübel, den Begriff Inklusion, einmal hoch und schauen, was drunter ist.


Ich vermute: Von Inklusion muss unablässig geredet werden, weil so eine schmerzhaft empfundene Lücke zugedeckt werden soll. In dieser Gesellschaft fehlt es immer mehr an Zusammenhalt. Die absurden Unterschiede zwischen reich und arm in Deutschland; die wachsende Zahl von Menschen, besonders von Kindern, die an der Armutsgrenze leben; prekäre Arbeitsverhältnisse. Und wenn man über Deutschlands Grenzen hinaus schaut: 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien; 2000 Tafeln in Portugal, die Menschen mit Essen versorgen, die sonst hungern würden. Die Schere zwischen reich und arm klafft und gleichzeitig nimmt die Einsamkeit der Menschen zu. Das spüren besonders die alten Menschen: bröckelnde Familien, verödete Nachbarschaften. Jeder zweite über 85jährige in Deutschland lebt allein.


Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft scheint im Wesentlichen durch Geld gewährleistet zu sein. Das sog. Betreuungsgeld zeigt die Richtung an und ist eigentlich ein ganz modernes Instrument: Selbst die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern – so signalisiert das Betreuungsgeld – können vergeldlicht werden. Liebevolle Zuwendung, die Kinder brauchen, ist nur noch zu haben, wenn dafür Geld fließt. Je schneller der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet, je mehr er durch eine Vergeldlichung der menschlichen Beziehungen krampfhaft gerettet werden soll, desto hysterischer muss Inklusion beschworen werden. Bisweilen könnte man denken, dass die Inklusionspropaganda geschickt Sparzwänge verdeckt. Da werden psychisch schwer gestörte Kinder in normale Schulklassen ‚inkludiert’. Hilfe oder Entlastung gibt es für die Lehrenden nicht. So hat man – administrativ gesehen – sauber inkludiert und gespart. Wenn Oberbürgermeister und Landräte von Inklusion reden, dann – so muss man befürchten - meinen sie etwas Nettes, dem niemand widersprechen kann und das dennoch das Budget nicht belastet.


Was mit Inklusion wirklich gemeint ist, das kann man an den sogenannten “inklusiven Geschäftsmodellen” sehen. Misereor und das Forum Umwelt haben dazu 2013 eine lesenswerte Studie veröffentlicht („Buseiness Case Hungerbekämpfung“). Die großen Agrar- und Lebensmittelkonzerne offerieren den Kleinbauern Inklusion: Sie bieten an, die Kleinbauern und ihre Produkte in ihre Wertschöpfungsketten zu integrieren. Diese Modelle haben aber aufgrund ungleicher Verhandlungsmacht hohe Kosten und Risiken für die Bauern zur Folge. In der Studie heißt es, die Herstellung von Ernährungssicherheit erfordere in erster Linie günstige Rahmenbedingungen für bäuerliche Investitionen sowie eine umfassende Strategie zur Stärkung der Verhandlungspositionen von Kleinproduzenten innerhalb von Wertschöpfungsketten. Misereor und das Forum Umwelt haben in ihrer Studie nachgewiesen, dass die den Kleinbauern angebotene Inklusion tatsächlich eine Art kannibalistischer Akt ist. der den Kleinbauern ihre Unabhängigkeit nehmen soll und nimmt.


Wer den Begriff Inklusion benutzt, sollte sich darüber klar sein, in wesssen Dienste er tritt. Der Begriff Inklusion, der in den letzten Jahren Karriere gemacht hat, gehört in eine Zeitgenossenschaft, in der die „Gesellschaft“ verschwunden ist zugunsten des „Systems“, in das die Menschen einbezogen werden sollen. An die Stelle von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit tritt die wohlwollende Gleichschaltung, die sich nun Inklusion nennt. Man könnte auch sagen: Wer von Inklusion spricht, will von Gesellschaft gar nicht mehr reden, sondern ersetzt den sozialen Begriff durch eine kybernetische Betrachtungsweise. Inklusion ist ein Begriff, mit dem die Steuerung von Menschen, die selbst zu Subsystemen geworden sind, organisiert wird. An die Stelle der Ethik, der Lebendigkeit, der Individualität tritt dementsprechend Optimierung. Inklusion ist ein Begriff, der sich der sozialen Frage zugunsten egalisierender Steuerungsimpulse entledigt hat. Insofern ist die Karriere des Begriff Inklusion alles andere als zufällig: Es ist das angemessene Werkzeug für ein Konglomerat, das die alte Frage nach Freiheit durch Steuerungsimpulse erledigt. Insofern ist Inklusion ein tendenziell totalitärer Begriff, der schmeichelnd daher kommt und seine Maske erst fallen lassen wird, wenn alles Außen vernichtet, verbrannt, ausgelöscht ist.


Vielleicht ist die Erinnerung an die Inklusen hilfreich?

Das frühe Christentum bringt die „Inklusen“ hervor. Das waren Männer und Frauen, die sich freiwillig in eine sich an Kirchen, Stadtmauern oder Brücken anlehnende Klause (reclusorium) einmauern ließen, um sich ganz dem religiösen Leben und der Union mit Gott widmen zu können. Die Eremiten hatten die weltferne Einsamkeit und Askese gesucht, die Inklusen ließen sich mitten in der Gesellschaft einmauern. Die Kirche hat diese Einschließungen später anerkannt, die Inklusen wurden sogar mit kirchlichem Zeremoniell eingemauert und das Ritual enthielt Elemente der Totenmesse. Eine große Zahl der Inklusen wurde später heilig gesprochen. Es ist die radikale Vereinzelung inmitten der städtischen Gemeinschaft: Der Single in seiner reinsten Form. Wir müssen aufpassen, dass die Inklusion nicht Inklusen produziert. Die Kälte der Gesellschaft wird nicht durch organisierte Inklusion überwunden, sondern dadurch, dass wir uns gegenseitig eine wärmende Gastfreundschaft bieten, in der Verschiedenheit erlaubt respektiert, ertragen und genossen wird.

 

Reimer Gronemeyer