Und wir wollen ihr Ende nicht verhindern, schon gar nicht wollen wir die Universität befreien, worauf wir die Aufmerksamkeit lenken wollen, ist gerade die Schrankenlosigkeit der Universität, ihre absolute Positivität, das fehlen jedes Missverständnisses. Wer glaubt, wir gäben auf, der irrt, denn wir stehen erst am Anfang. Um aufzugeben bräuchten wir einen Gegner, dessen Macht wir uns nicht gewachsen fühlten, aber den gibt es nicht: „Du bist die Uni!“


Der Moment in dem ein Dispositiv an sein Äußerstes gerät, offenbart eindrücklich die Unmöglichkeit, die immer in seinem Ursprung steckt. Die Universität ist ein solcher unmöglicher Ort: An ihr gilt es, ein zugleich unbegrenzt kreatives, suchendes aber auch konzentriertes, scharfsinniges Denken einzuüben. Das Problem ist klar: Wie kann die Universität einen reflektierten, freien und kritischen Geist hervorbringen, und dabei angeleitet sein, von der absoluten Autorität der Wahrheit? Es ist nicht einfach, für diese Paradoxie der Universität eine Sprache zu finden, aber ich möchte vorschlagen, ihre Unmöglichkeit als die Gleichzeitigkeit von Frage und Antwort zu denken.


Die Universität ist antwortend, weil sie die Wahrheit kennt. An ihr ist eine intellektuelle Elite versammelt, die über die Wahrheit verfügt. Sie leitet ihre Studenten an, bringt Ordnung in die Wildheit des Denkens. Die Universität durchforstet die Wildnis, zieht Schneisen, baut Straßen, um jeden dunklen Fleck dem Wissen zugänglich zu machen. Deswegen ist die Universität Aufklärung: Sie ersetzt den Glauben durch das Wissen, sie entschleiert die Verhältnisse, sie klärt den trüben Blick mit dem Licht der Wahrheit. Die Universität ist verpflichtet, zur Wahrheit zu führen, Antwort zu geben. Zugleich aber ist die Universität fragend, weil das was in ihr auf dem Spiel stehen muss, die Wahrheit selbst ist; sie hat es immer mit einer Wildnis zu tun. Sie folgt nicht einfach den Pfaden, die da sind, sie ist vielmehr eine Suche in einem Gebiet das noch nicht erschlossen, noch nicht abgeschritten, das unerforscht ist. Sich der Antwort nicht aus dem Kanon gegebener Wahrheiten zu bedienen, sondern der Frage gegenüber eine Ver-antwortung zu besitzen, ist das elementare Moment der Universität. Ihr Seminar ist nicht die Verkündigung der Wahrheit, sondern ein gemeinsames Voranschreiten, in dem ergebnisoffen nach der Wahrheit gesucht, in dem gefragt wird. Zwischen Frage und Antwort bleibt aber immer ein Rest, ein Unbestimmbares, auf dessen Offenbarung wir verwiesen bleiben: weder offensichtlich, noch verborgen, unmittelbar naheliegend und doch ungreifbar. Die Erkenntnis ist mehr, als die versammelten Antworten und liegt jenseits der Frage. Beheimatet in dieser Ambivalenz von Frage und Antwort ist die Universität immer schon ein unmöglicher Ort, ein Versprechen, dass sich niemals erfüllen kann.


Im Ausnahmezustand der Universität sind Frage und Antwort ununterscheidbar. Dadurch gibt es hier keine Leerstelle zwischen Frage und Antwort, Frage und Antwort fallen in Eins, jede Widersprüchlichkeit ist ausgeschaltet und durch ein einziges Positives ersetzt: Alles ist Kommunikation, alles der Austausch verfertigter Information. Eine gute Frage ist die beste Antwort, und am geschicktesten antwortet man fragend: Die Universität ist schlicht das Medium dieser Information. In der gemeinsamen Sitzung (sei es ein Seminar oder ein organisatorisches „Meeting“) ist jede Hinterfragung, jede Kritik willkommen, auf sie wird mit einer Gegenfrage geantwortet. Bruchlos reihen Fragen und Antworten sich aneinander, es gibt hier keine Geheimnisse. Jeder soll reden, niemand schneidet einem das Wort ab. In diesem Gebrüll besteht der Ausnahmezustand der Universität, in diese lärmenden Positivität stimmt jede Kritik mit ein.
Dort wo Frage und Antwort als Kommunikation ununterscheidbar werden entsteht die Methode. Das Studium soll weder Antworten geben, noch Fragen aufwerfen, die „Soft-Skills“ sind Methode. In Methodenkursen für gute Lehre wird die Ununterscheidbarkeit von Frage und Antwort zelebriert: Es ist nicht notwendig, auf alle Fragen der Studierenden eine Antwort zu geben, das ist nicht deine Aufgabe! Es werden einfach alle Fragen auf bunte Zettel geschrieben und in „Clustern“ auf die Tafel geklebt – das ist die Methode. Der Lehrende soll Steuermann des Seminars sein. An der kybernetischen, der gesteuerten Universität sind Gegenwinde keine Quelle der Störung, sondern notwendige Kräfte: Winde und Strömungen müssen nur in der rechten Weise zueinander in Einklang gebracht werden, damit sie das Fortkommen ermöglichen. Vor allem um eines geht es der Methode: Keiner soll schweigen, jeder etwas beitragen, Kritik soll geübt werden, Kritik ist konstruktiv.


In der beständigen Evaluation von Lehrenden und Studierenden bringt die Universität ihre Methode auf sich selbst in Anwendung. Sie ist der Idealtyp der Ununterscheidbarkeit von Frage und Antwort. Die Evaluation weiß die Antwort, daher kann sie fragen: sie kennt bereits die Wahrheit über das gelungene Seminar, nur so kann sie deren Erfüllung messen. Und sie ist die Antwort, indem sie fragt: das sich in Frage stellende Seminar ist das gelungene. Im Modus der Evaluation wird das heikle Spiel von Frage und Antwort, dem sich jeder Denkvorgang an der Universität ausgesetzt sieht, deaktiviert und in ein Positives überführt. „In 25 Minuten die Welt retten...“ lautet der Werbespruch, der zur Teilnahme an der allgemeinen Studierendenbefragung aufrufen möchte, „...oder erst mal das wichtigste: Deine Uni!“ Ein roter Stern auf dem Plakat zeigt es: hier findet eine Bewegung statt. „Frage 1: Bitte geben sie ihr Geschlecht an: a) Weiblich, b) Männlich, c) Anderes d) keine Angabe“. Jede Subalternität, die möglicherweise in der Verweigerung der Geschlechterzugehörigkeit liegen mag, wird positiviert und sichtbar gemacht. Jede Unzufriedenheit, jedes Missfallen wird kanalisiert und macht sich so nützlich.
Im Ausnahmezustand der Universität offenbart sich ihre Unmöglichkeit, die Uneinlösbarkeit ihres Versprechens, Frage und Antwort in sich zu vereinen, denn Universität ist universell, sie umfasst alles, sie kennt keinen Rest. Aber dieses Eingeständnis, dass in ihrem Zentrum eigentlich die Leere Positivität der Kommunikation steht, braucht uns keine Sorge zu bereiten. Das Ende der Universität ist das erste Zeichen der kommenden Universität. Und unsere Aufgabe muss es sein, die Universität in ihrem Enden zur Hand zu gehen. Und dafür braucht es andere Waffen, als die, die zu ihrer Befreiung einst entwickelt wurden.

 

Die Sabotage ist nicht zufällig eine dem Wissenschaftler strengstens untersagte Tätigkeit, denn sie entzieht sich der Dualität von Frage und Antwort. Der Begriff stammt von dem Sabot, dem französischen Holzschuh, den einige Landarbeiter in der Zeit der industriellen Revolution in die Maschinen schmissen, um sich derer zu entledigen. Die Anekdote dieses Begriffes kann schon aufschlussreich sein: Sie zeigt, dass die Sabotage ein sehr einfaches Mittel ist, das keineswegs versucht der Maschinerie eine Komplexität eigenen Zuschnittes gegenüberzustellen. Das Sabotieren braucht keine eigene Logik, es ergibt sich aus der Logik der Maschine selbst. Die Sabotage ist keine Antwort, sie pinselt keine Alternative aus. (Das unterscheidet die Sabotage von der Revolution.) Die Sabotage begnügt sich somit zwar mit der Irritation eines Ablaufes, sie ist auf das Ablaufen einer Maschine aber zugleich notwendig angewiesen, denn der Akt der Sabotage selbst ist eine sehr schwache Kraft. Die Sabotage stemmt die Zahnräder der Maschine nicht in einer großen Anstrengung auseinander, es genügt ihr, ein unscheinbar kleines Zahnrad in dem großen Gefüge außer Takt zu bringen. Es ist die Kraft der Maschine selbst, die, derart aus ihrem Rhythmus gebracht, sich in ihrem eigenen kraftvollen Ablaufen zerstört. Die Sabotage stellt die Maschine selbst also nicht in Frage.


Oftmals besteht das Sabotieren sogar eher in einer Untätigkeit, als in einem aktiven Tun. Aber es handelt sich dabei nicht um eine zur Schau gestellte Untätigkeit (wie es der Streik ist), sondern um eine, die vordergründig den Vorgängen der Maschine zu folgen vorgibt. Ihre Heimlichkeit, die Unscheinbarkeit eines fehlenden kleinen Zahnrades, ist für die Sabotage sogar von zentraler Bedeutung. Jede Sabotage könnte, im Nachhinein betrachtet, immer auch ein Unfall, eine Versehen oder schlicht ein technisches Versagen gewesen sein, denn es führt keine direkte Linie von dem Akt der Sabotage hin zu ihrer Vollendung, der Dysfunktionalität der Maschinerie. So ist die Sabotage eine sehr verschwiegene Tätigkeit, sie kommuniziert nicht. (Im Gegensatz zum Terroristen gibt der Saboteur sich niemals zu erkennen, es gibt hier kein Bekennerschreiben.) Derart unscheinbar und schwach, ohne direkten Einfluss auf ihre Konsequenz ist es der Sabotage unmöglich einen Zweck zu verfolgen: Sabotage ist ein reines Mittel. Situativ und impulsiv ist Sabotage das unmittelbar Naheliegende, weder überlegt, noch konstruktiv ist sie alles andere als Kritik. Von der Sabotage geht rein gar nichts aus, sie ist hier, jetzt, dieser Moment, alles weitere mag geschehen, die Zukunft möge kommen, aber sie ist nicht von der Sabotage erzeugt. Daher verbreitet sie sich auch nicht durch Agitation, sondern durch Ansteckung. Sabotage ist keine Methode, man kann sie nicht lernen, vor der Maschine sind wir alle immer schon Saboteure.


In ihrem Ausnahmezustand ist die Universität restlos universell: sie kennt kein Jenseits, kein Anderes außerhalb ihrer Abläufe. Für die Sabotage ist das eine ideale Voraussetzung. Sie findet, wie wir gesehen haben, in dem Inneren der Maschine statt und zugleich ist sie von der Maschine seltsam unberührt, lässt sich von ihren Abläufen nicht vereinnahmen. Es ist als erfinde die Sabotage in dem Moment ihrer Ausübung ihr eigenes Abseits, eine Art Nicht-Ort im inneren des absoluten, schrankenlosen Raumes der Maschinerie. Ein Nicht-Ort der aber kein Frei-Raum, nicht das Negativ der Universität und daher auch nicht positivierbar ist. Absolut flüchtig und nur momenthaft ist die Sabotage aus der Nahe-Gelegenheit geboren. Ihre Zeit ist hier, jetzt, unmittelbar, ein kairós, eine Jetztzeit; eben eine Zeit des Endes. Die Sabotage bleibt somit womöglich als die letzte und die erste Tätigkeit die sich in jener Unmöglichkeit befindet, die die Universität aufzuheben versucht.

 

Marcus Jurk